stadt.schreiben: Fundstück

Bei den Bauarbeiten für die große Bibliothek, eine Filiale der Nationalbibliothek, in der vor allem digitale Werke aufbewahrt werden, wurde das Fragment einer Komposition entdeckt. Es handelt sich um ein Stück Handschrift auf Papier, vermutlich die Rückseite eines Kuverts, das aufgerollt in einer metallenen Dose vergraben war, allem Anschein nach das Werk eines zeitgenössischen Komponisten, womöglich eines Autodidakten. Die Notation wirkt etwas unsicher, jedenfalls unüblich. Wer das Stück geschrieben hat, konnte nie ermittelt werden. Fest steht, dass es höchstens zehn Jahre vor Baubeginn vergraben wurde. Das Ensemble der Stadtpfarrkirche führt in der Thomasnacht alljährlich eine Chorfassung auf. Der Leiter, seines Zeichens Direktor der Musikschule-Seestadt, betont, es sei von außergewöhnlicher Musikalität, und eben weil aus dem Grund und Boden der Seestadt zu Tage gekommen, von großem Potential zur Erhöhung des Gemeinschaftssinns ihrer Bewohner. Das Papier, samt Originalbehälter, ist im kleinen (aber feinen) Stadtmuseum zu besichtigen.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

Ausstellung “Neo-Geo” von stadt.schreiber Hanno Millesi im Literaturhaus Wien

Donnerstag, 4. April bis Donnerstag, 27. Juni 2013

Begleitveranstaltung “Granturismo” am Dienstag, 14. Mai 2013 ab 19.00 Uhr mit Beiträgen von Xaver Bayer, Kerstin CmelkaAnn Cotten und Hanno Millesi

Zur Arbeit des Schriftstellers Hanno Millesi gehören auch bildnerische Werke in Form von Collagen. Unter dem Titel Neo-Geo zeigt das Literaturhaus Wien einige davon. Für seine Collagen löst der Schriftsteller fremde Erzählungen aus ihrem visuellen und narrativen Kontext und reinszeniert sie in veränderter Form. Auf dem zweidimensionalen Bildträger taucht er in eine visuelle Imaginationswelt ein und orientiert sich in dieser mithilfe einfacher Sätze aus anders gemeintem Zusammenhang. Den neu arrangierten Formulierungsversuchen haftet etwas von einer Projektion an, einer Anleihe, um eigentlich etwas ganz anderes zu sagen.
Barbara Zwiefelhofer, Literaturhaus Wien

Zur Ausstellung hat Xaver Bayer einen Text verfasst.

Ausstellungsort: Literaturhaus Wien, Seidengasse 13, 1070 Wien
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 9.00 bis 17.00 Uhr und im Rahmen der abendlichen Veranstaltungen des Literaturhauses

Website von Hanno Millesi: www.ignorama.at

stadt.schreiben: Künstliche Intelligenz

In einem Anfall von Mitgefühl befreie ich eine Topfpflanze aus ihrem tönernen Gefängnis. Ich habe beschlossen, sie der Freiheit zu überantworten, stecke sie in einen Nylonsack und mache mich auf die Suche nach einer Grünfläche, der ihr zukünftig als Lebensraum dienen soll. Wo ich wohne, ist das gar nicht so einfach. Als ich ein winziges, von rechteckigen Steinen gesäumtes Fleckchen Erde finde und darauf zusteuere, kommt mir ein hässlicher, kleiner Hund zuvor und pinkelt an den einzigen Strauch, der aus dem Erdreich ragt. Mir dreht sich der Magen um. Ich verstehe nicht, warum der Hund nicht angeleint ist, aber das ist er ohnehin, warum er keinen Beißkorb trägt – er trägt einen, ich habe ihn irrtümlich für seine Schnauze gehalten – und schließlich, warum er nicht vor einer Supermarktfiliale angebunden ist und jeden, der durch die elektrisch gesteuerte Tür kommt, erwartungsvoll anblickt, wie sich das für einen Hund in der Großstadt gehört. Auch bei der nächsten Grünfläche habe ich kein Glück.

(Textbeitrag: Hanno Millesi)

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stadt.schreiben: Zukunftsprognosen

 

 

 

 

Wer hier überwintern wird? Falls das Klima wärmer wird, der See angenehme zweiunddreißig Grad im Schatten erreicht? Wenn es Kühen erlaubt ist, am Seeufer zu grasen, matschige Wiesen etwas sind, auf das eine Gemeinde stolz ist? Ob das Wasser im Winter dennoch zufriert? Ob Rehe in die Gärten springen werden, sogar im Sommer, die Rosen anknabbern, wie Tradition? Ob es neben den Hundemeuten Platz geben wird, für scheue zarte Tiere? Ob da fünfhundert Jahre alte Häuser stehen werden? Ich bin so neugierig.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Wo bist Du?

Was denkt ein Hund über mich? (Gehen wir einmal davon aus, dass ein Hund in gewisser Weise „denkt“.) Der Hund liegt auf dem Teppich. Ich sitze am Schreibtisch. Der Hund schläft, aber er schläft auch nicht. Der Hund blinzelt ab und zu, schaut, was ich tue. Er ist ruhig, weil er mich in Sicherheit weiß. Käme ein Fremder in den Raum, würde er mich verteidigen. Der Hund sieht, dass ich seit einer Zeitspanne, von der ich nicht weiß, wie lange sie ihm erscheint, für mich sind es Stunden, auf ein Ding starre, es ab und zu berühre, weiterstarre. Für den Hund stellt sich die Frage, die mir Journalisten am liebsten stellen, nicht. Für den Hund ist ein Dichter und ein Wissenschaftler genau dasselbe. Der Hund legt mir einen toten Spatzen auf den Teppich und erwartet, dass ich mich freue. Der Hund hat sich, weil er mich von klein auf kennt, daran gewöhnt, dass ich meine Nase nicht in die schmutzige Erde unter Büsche am Straßenrand stecke. Weil er weiß, dass ich jemand aus seiner sozialen Umgebung bin, der so etwas nicht tut. Er versucht nicht, mich dazu zu überreden, dasselbe zu tun.

P.S.: Manchen Theorien zufolge wurden Hunde anfangs gar nicht als Helfer bei der Jagd oder als Sozialpartner domestiziert und gezüchtet, sondern als Nahrungsquelle. Die Tatsache, dass man in Asien bis heute Hunde isst, wird als Argument für diese Theorie angeführt.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Heideggers Haustiere

„Nehmen wir ein auffälliges Beispiel: die Haustiere. Sie werden nicht deshalb so genannt, weil sie im Haus vorkommen, sondern weil sie zum Haus gehören, d.h. für das Haus in gewisser Weise dienen. Aber sie gehören nicht so zum Haus, wie das Dach zum Haus gehört, sofern es das Haus gegen Unwetter schützt. Haustiere werden von uns im Haus gehalten, sie „leben“ mit uns. Aber wir leben nicht mit ihnen, wenn Leben besagt: Sein in der Weise des Tieres. Gleichwohl sind wir mit ihnen. Dieses Mitsein ist aber auch kein Mitexistieren, sofern ein Hund nicht existiert, sondern nur lebt. Dieses Mitsein mit den Tieren ist so, dass wir die Tiere in unserer Welt sich bewegen lassen. Wir sagen: Der Hund liegt unter dem Tisch, er springt die Treppe hinauf. Aber der Hund – verhält er sich zu einem Tisch als Tisch, zur Treppe als Treppe? Und doch geht er mit uns die Treppe hinauf. Er frisst mit uns – nein, wir fressen nicht. Er isst mit uns – nein, er isst nicht. Und doch mit uns! Ein Mitgehen, eine Versetztheit – und doch nicht.”

 

Aus: Heidegger, Martin. Die Grundbegriffe der Metaphysik: Welt, Endlichkeit, Einsamkeit. Vittorio Klostermann GmbH Frankfurt am Main. 1983, S. 308

(Textbeitrag: Andrea Grill)

Ein ganzer Kontinent kann gar nicht untergehen

Ravels Klavierkonzert in G-Dur wird die Veränderung bringen. Es soll mir helfen, meine Gedanken zu ordnen und auf ein gemeinsames Ziel zu richten. Der für mich nicht sichtbare Dirigent (es ist Claudio Abbado) führt nicht nur die Musiker des Orchesters durch die Partitur, sondern bedeutet auch mir, jegliche Ablenkung zu vergessen und mich seinem, Arabesken ins Nichts zeichnenden Dirigentenstab zu überlassen. Das kommt mir ein wenig übertrieben vor, schließlich bin ich Freischaffender. Ich beschäftige mich – so lobenswert das ist – nicht damit, das Werk anderer zur Aufführung zu bringen, sondern … außerdem habe ich noch nie mit Herrn Abbado gearbeitet und war bei keiner der Proben dabei. Ich hatte keine Gelegenheit, mich auf die – wie soll ich sagen – Handschrift dieses Meisters einzustellen. Ich bin immer zu spät dran und beschließe daher, Ravels Stück indirekt für mich arbeiten zu lassen. Ich begegne ihm wie dem Verkehr vor dem Fenster, dem Soundtrack der Stadt, der ein Bestandteil ist, der dazu gehört, vor dem es kein Entkommen gibt.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Zimmerflucht

 

Als ich die Augen wieder aufmache, entdecke ich einen Schillerfalter auf meinem Fensterbrett. Er scheint sich zu überlegen, ob er hereinkommen oder weiterfliegen soll. Immerhin stand das Fenster offen, es spricht also nichts dagegen, sich anzuschauen, wie die Menschen so leben.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Migration

Die Westbahnstrasse ist mir am liebsten. Wo das Licht von weither kommt, aus Sydney oder L.A. Im „Podium“ könnte man essen wie dort. In einer Schneiderei kürzt man Hosen. Die Schneiderin trägt immer einen Hut. Einfach. Ein blumiges Kleid. Um den Hals ein Maßband, gelb; in der Hand die Schere. Wir wollen Sie nicht stören, sagt einer der zwei rauchenden Herrn am kleinen Tisch im Laden. Sie drehen die Hüte zwischen den Knien, plaudern unverständlich. Die Strasse ziert sich an funkelnden Schienen dahin, zieht sich zurück in die fünfziger Jahre. Der Bahnhof ist am Ende links. Eine große Baustelle, und geschwind bin ich aus den Fünfzigern am Schalter zurück. Wann der stattfindet, muss ich noch überlegen.

Vor mir in der Reihe wartet ein Herr mit einer Pfauenfeder am Hut. Sofia, sagt er zum Angestellten. Sofia? Ja, sagt der Angestellte. Das dauert zwei Tage. Wann, fragt der Herr. Wann? In der Früh und am Abend. Um neun Uhr zweiundfünfzig und kurz vor acht. Wann, fragt der Herr, wann? Wann Sie ankommen. Nun, zwei Tage später. Es dauert zwei Tage. Der Herr mit der Pfauenfeder hält einen vielfach gefalteten Zettel in der Hand, den Fahrplan. Er betrachtet den Zettel betrachtet den Angestellten. Wann, fragt er. Wann? Das Hemd spannt über seinem Bauch. Er schwitzt. Es ist der heißeste Sonntag seit sechsundzwanzig Jahren. Der Mann hat ein rundes Gesicht, die Haut braun, faltig vom Reden. Sein Gepäck ist ein Plastiksack mit undefinierbarer Schrift. Er spricht kaum eine Sprache, die der Angestellte am Schalter versteht; versucht sich unermüdlich auf deutsch. Nickt versuchsweise. Um seine spitzen staubigen Schuhe bilden sich langsam Gruben im Boden der Bahnhofshalle. Die Reihe hinter ihm ist kurz. Nur ich. Ich kann gut warten. Hinter dem Schalter wird die Auskunft wiederholt. Die zwei Tage machen uns beide stutzig, den Mann und mich. Er nickt ergeben, tritt zur Seite, verlässt die Halle. Ich spreche ihn an. Haben Sie es verstanden?, frage ich. Sofia!, sagt er. In der Früh? Er hält mir den Fahrplan hin. Es stimmt. Neun Uhr zweiundfünfzig. Neunzehn Uhr achtundvierzig. Das zweite direkt, ohne Umsteigen. Es ist ungefähr halb sechs. Ungläubig schaut er mich an. Seine Sorge ist die Ankunft. Etwa einundzwanzig Stunden später. Am nächsten Tag. Nächster Tag? Mehrfach besprechen wir die Abfahrtszeiten. In der Früh. Am Abend. Ich verstehe. Er will heute wegfahren und heute noch ankommen. Unmöglich, deute ich ihm. Ob er mich versteht? Die Pfauenfeder wippt. Er bedankt sich. In der Früh ist besser, sagt er. Heute nur mehr abends, um kurz vor acht, erläutere ich. Er blickt mich traurig an, nickt dankend. Geht hinaus.

Später, als ich den Bahnhof verlasse, sehe ich ihn am Rand eines Blumenbeets sitzen. Er raucht. Die Zipfel des Sakkos liegen in der Erde. Der Plastiksack steht gegen den Beton gelehnt. Rauchend blickt er vor sich hin. Die Asche schnippt er auf den Asphalt.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Tom Waits

What’s he building in there?

What the hell is he building in there?

He has suscriptions to those magazines …

He never waves when he goes by …

He’s hiding something from the rest of us …

He’s all to himself …

I think I know why …

 

(What’s He Building? zitiert von Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Matta-Clark

Am Küchentisch dürfte ich nochmals eingenickt sein. Auf alle Fälle schreckt mich ein Geräusch auf, das wie das Zusammenklappen der Absätze strammer Soldatenstiefel klingt. Ein metallener Klacks. Es handelt sich um den Toaster, aus dem zwei Toastscheiben in die Höhe schießen – als öffne sich die Startbox eines hoch dotierten und mit Amphetaminen voll gestopften Rennpferds. Es kann losgehen! In ihrer Parallelität erinnern mich die beiden Toastscheiben daran, dass der Mensch zwei Seiten hat. Wie in einem Wörterbuch ist er in eine linke und eine rechte Spalte aufgeteilt. Links und rechts geht es um die gleichen Begriffe, aber das erkennt nur, wer mit dem dahinter verborgenen System vertraut ist.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Hausbesitzernot

Ich sehne mich nach jemandem, der die Wände besitzt, in denen ich wohne. Vermisse die Möglichkeit, diesen anzurufen, um ihn zu loben für die hohe Qualität der elektrischen Leitungen, für die hervorragende Renovierung der Flügeltüren aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, für den großartig sanierten Parkettboden, in den ich mich auf den ersten Blick verliebt habe. Glatt genug, um den nackten Füßen einen angenehmen Untergrund zu bieten, rau genug, um mir vorzumachen, ich lebte in einem organischen Objekt.

Den Großteil unserer Zeit verbringen wir in Innenräumen, großzügigen Schachteln, errichtet aus Ziegelmauern, Beton, Holz, mit ziemlich geraden Wänden, traditionell weiß, angenehm geräumig. Es wäre mir ein Anliegen, zu wissen, wer meine spezielle Schachtel besitzt, wem ich monatlich eine ordentliche Summe Geld überweise, es wäre mir eine Genugtuung, seine Telefonnummer zur Verfügung zu haben, ihn anrufen zu können, ihm dafür danken zu können, dass er fürsorglich die entsprechende Firma beauftragt hat, mein Bad mit einer schimmelwehrenden Farbe zu streichen, dass meine Fenster so gut schließen, dass ich, wenn sie geschlossen sind, wirklich gar nichts von dem höre, was auf der Strasse vor sich geht. Dass er sich an die landesüblichen Gesetze hält und die Miete nur dem Verbraucherpreisindex anpasst. Dass ich einen unbefristeten Vertrag habe.

Ich lerne wechselnde Hausverwaltungen kennen, sie schlendern plaudernd durch meine Räume, fotografieren Risse. Ich bitte sie um die Telefonnummer des Hausbesitzers. Sie würden sie mir niemals geben. Völlig unmöglich. Sie seien meine Ansprechpartner. Sie ändern sich alle paar Monate. Kein Problem. Sie seien meine Ansprechpartner.

Bitte, ich möchte ihn nur loben!

Es ist unmöglich.

Ich habe einen unbefristeten Vertrag mit einem unbekannten Subjekt.

Mir fällt eine Lösung ein, wie ich allen Widerständen zum Trotz, den Hausbesitzer kennenlernen könnte. Ich werde meine vier Wände käuflich erwerben. Ich frage bei der Verwaltung an, wie, bitte, kann ich den Hausbesitzer kontaktieren, ich möchte meine Behausung kaufen. Das sei völlig unmöglich, lautet die Antwort.

Wie es aussieht, werde ich lebenslänglich, einen Hausbesitzer vermissen müssen. Er gehört zu einer aussterbenden Art, die vor jeglichem Kontakt mit real existierenden Menschen in Schutz genommen werden muss.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Ratgeber zur Wohnungsfrage

Giorgio de Chirico, Der beängstigende Vormittag, 1912 Öl auf Leinwand 81x65cm (VAF-Stiftung, Rovereto)

Giorgio de Chirico, Der beängstigende Vormittag, 1912 Öl auf Leinwand 81x65cm (VAF-Stiftung, Rovereto)

Fordert ein Badezimmer auf der Sonnenseite, es sollte einer der größten Räume der Wohnung sein, so groß wie früher der Salon zum Beispiel: wenn möglich mit einer Wand, die nur aus Fenstern besteht und auf eine Terrasse zum Sonnenbaden hinausgeht: Waschbecken aus Porzellan, Bad, Duschen, Turnapparate. Nebenraum: Raum zum An- und Ausziehen. Zieht euch nicht in eurem Schlafzimmer um. Das ist nicht ganz appetitlich und bringt unangenehme Unordnung mit sich.

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stadt.schreiben: Cornetto semplice

Das Cornetto semplice ist ein Butterkipferl ohne Füllung. Es ist, auf Dauer, das einzige Kipferl, das ich wirklich jeden Tag einmal essen möchte. In der Wiener Stuckgasse gibt es ein Gebäude, das ich mit dem Cornetto semplice vergleichen möchte. Sogar farblich ähneln sie einander. Ein helles, nicht sonderlich auffälliges Gelbbraun, Teil einer Häuserzeile, die Gasse ist schmal, man kann gar nicht weit genug zurücktreten, um das Haus in seiner Gesamtheit richtig zu erfassen, doch was zu erfassen ist, hat es mir angetan; die Fenster ein bisschen hübscher als notwendig, die Fassade mit gewissen Vorsprüngen, einer erkerartigen Ausbuchtung, aber nur ab dem ersten Stock. Ein ehrliches Haus, das äußerlich nichts verspricht, was es innen nicht zusammen hält.

Naturgemäß wechsle ich vorzugsweise ab, Cornetto con marmellata oder crema. Dann wieder: Cornetto semplice.

Eine breit gefasste Definition von Architektur wäre eventuell: unverwechselbare zugrundeliegende Struktur.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Frankie Goes To Hollywood

Um den Straßen, Gässchen und Wegen der in absehbarer Zeit hier aus dem Boden wachsenden Stadt nicht unbeabsichtigt Namen zu verpassen, die zu in Wahrheit unrühmlichen Persönlichkeiten gehören, folge man dem Ruf thematisch geeigneter, trotz oder gerade wegen ihrer Harmlosigkeit allseits beliebter Evergreens. Manch einer wird vielleicht zum Nachdenken angeregt, ein anderer hat einfach nur Freude. Sobald man eine Straße entlang geschritten ist, biegt man in eine andere – der Weg darf nicht mit dem Ziel verwechselt werden.

Anregungen: My Way-Straße, You Never Walk Alone-Weg, Über sieben Brücken musst du gehen-Gasse, Bridge Over Troubled Water-Brücke, Why Don’t We Do It In The Road-Radweg, Burning Down The House-Haus.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Räder

Für Begriffe, die alt sind, so alt, dass ihre ursprüngliche Bedeutung vergessen wurde, verwendet, wer von ihrer positiven Ausstrahlung überzeugen will, englische Ausdrücke. Community klingt weniger katholisch als Gemeinschaft; ein e-bike möchte man eher als ein Stromrad.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

Thomas Ballhausen (c)dadaXAndrea Gril (c)dadaXHanno Millesi (c)dadaXsystem_m (c)dadaX

Lesung: stadt.schreiben – Felder & Figuren

PUBLIK und das Literaturhaus Wien laden zur Lesung “stadt.schreiben – Felder & Figuren”:

Am Montag, 11. Juni 2012, 20.00 Uhr lesen Andrea Grill und Hanno Millesi aus ihren Arbeiten zu stadt.schreiben in aspern Seestadt. Thomas Ballhausen präsentiert seinen Text „Felder & Figuren“ gemeinsam mit system_m und Mitgliedern des Schachclubs Donaustadt als medienübergreifende Textperformance, in der Wortkunst und Spielzüge interagieren.

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stadt.schreiben: Angezählt

Als ich in der Zeitung lese, dass die Fertigstellung eines viel diskutierten Bauprojekts am Rande der Stadt nicht, wie vorschnell verlautbart wurde, fünfzehn, sondern fünfundzwanzig Jahre in Anspruch nehmen werde, denke ich zum ersten Mal ernsthaft ans Sterben.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Firmament

 

Als ich mitten in der Nacht aufwache, denke ich, das könnte eine gute Gelegenheit sein, mir die Sterne anzusehen. Vom Schlafzimmerfenster aus geht das nicht, weil ein Parkhaus die Rückseite jenes Gebäudes, in dem sich meine Wohnung befindet, überragt und seine aufdringliche Beleuchtung meine Augen beim Blick nach oben blendet. Das Küchenfenster öffnet sich in einen Lichtschacht. Den Himmel sieht nur, wer den Blick steil nach oben richtet. Das oberste Segment des Küchenfensters, merke ich jetzt, ist allerdings so schmutzig, dass alles nach Bewölkung aussieht.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Tyto (Ein Interview)

Ich denke, ich brauche hier einen Gesprächspartner. Jemanden, der von weit her kommt; mit unbestechlichen Augen, herzförmigem Gesicht. Jemand, der einen Schleier trägt. Nicht um sich zu verbergen, nein: als Sieb, das die Welt konzentriert.

Darf ich vorstellen, Herr Tyto alba. Er hat sich bereit erklärt, in dieser Runde ein kurzes Live-Interview zu geben. Tyto ist von Beruf und Wesensart Schleiereule, Hobbys: Städtebau, Philosophie.

Ich: Guten Abend.

Eule: Halten wir uns nicht lange mit Höflichkeiten auf. Obwohl ich die zu schätzen weiß.

I: Dann gleich die erste Frage, ein allgemeines Statement zur Welt?

E: Wir sind gerne da.

I: Würden Sie hier einziehen?

E: Einziehen?

I: In der Seestadt, am Ende einer noch zu bauenden unterirdischen Bahnlinie mit dem Namen einer irischen Rockband.

E: U2?

I: Sie kennen sich aus!

E: Das ist mein Fach. (breitet die Flügel aus, fächelt vorsichtig ein wenig Luft) Einer meiner Fächer.

I: Einst gab es dort einen Flugplatz.

E: Fliegen kann ich ganz gut, vor allem geräuschlos. Keine Haselmaus würde mich hören. Nicht einmal eine Ratte. Ich benötige nur ab und zu einen Baum.

I: Bäume werden beschafft. Sie würden also einziehen?

E: Ich glaube nein. Weiterlesen →

stadt.schreiben: Stiegenhaus

Wiener Innenstadt

Selten treffe ich im Stiegenhaus jemanden, selten im Flur oder unten beim Eingang, nie stoße ich an der Tür mit jemandem zusammen; ich verstehe nicht, wie das möglich ist. Dieses Haus hat drei Stiegen oder mehr, nicht einmal ich, die ich auf Stiege eins wohne, weiß, wie viele Stiegen es tatsächlich gibt, wie viele Stockwerke diese Stiegen haben. Hunderte Leute müssten in diesem Haus wohnen, den Namen auf den Postkästen nach zu schließen. Ich begegne ihnen nicht. Ich begegne immer den gleichen Menschen, als wohnten im Haus nur vier oder fünf, über alle Stiegen verteilt.

Eine Frau zum Beispiel, die im Hof die drei Topfbäume betreut; nicht, dass sie dazu beauftragt wäre, wie sie entrüstet erzählt, beauftragt ist eine Gärtnerei, die aber die Bäume in den Töpfen verkommen lässt. Am Anfang, als sie geliefert wurden, waren sie schön. Da die Gärtnerei aber nie die alten Blätter aus dem Topf entfernt, nie die von Schädlingen angefressenen Zweige abzupft, leiden die Topfbäume. Nur diese Dame kümmert sich sorgfältig um sie. Soviel habe ich bemerkt.

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Das Haus am Keaton Place

(Image: Stefan Lux)

Dieser Bausatz beinhaltet in seiner vollzähligen Ausführung alle Elemente eines Fertigteilhauses, dessen Einzigartigkeit darin besteht, dass es, was die Technik betrifft, von jedem halbwegs geschickten Hobbyhandwerker zusammengebaut werden kann. Spezifisches Know-how wie Statik, Schweißen, Tischlern ist nicht erforderlich.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Nonument

Wie ein Denkmal für eine noch zu bauende Stadt aussehen könnte? Das Denkmal ist der menschliche Körper. Er sei die größte Attraktion dieses Wohn- und Lebensraums. Weiterlesen →

stadt.schreiben: Brachland

Ich stehe vor einer Fläche, unbebaut, mitten im dicht besiedelten Bezirk; ein ungefähres Rechteck, vierzig mal hundert Meter, aus rötlicher Erde wachsen die ersten Kräuter, Halme, manchmal gibt es eine graue Stelle; der Boden ist trocken, staubig, obwohl es gestern erst geregnet hat. Weiterlesen →

stadt.schreiben: Ein kaum zu verdauender Anblick

Ein kolorierter Kupferstich von Carl Schütz, zeigt Am Graben 1781. Die Häuser klar und schön im Stil der Zeit. Der Raum zwischen den Häusern von Menschen erfüllt. Darunter hie und da eine Kutsche. Doch sichtlich gehört der Platz den Menschen! Hunde streunen darüber. – Dies ist die gesunde Stadt. Eine heutige Entwicklung der Technik ist unmöglich mit den alten städtebaulichen Mitteln zu beherrschen. Le Corbusiers Ideen erscheinen mir als die einzigen, die das verlorene Gleichgewicht, wie es hier auf dem Bild von Schütz so deutlich ist, wiederherstellen könnten. Man wird selten ein Bild finden, auf dem das räumliche Element so ins Auge fällt. Das Gleichgewicht ist geradezu mit Händen zu greifen. Und die Ruhe des geistigen Lebens, die daraus resultiert. Die Geschlossenheit. Und klar wird auch, dass nur die Entwicklung der Technik der Zerstörer ist. Aber wozu haben wir denn unser Hirn, wenn wir nicht endlich dagegen ankämpfen würden … Noch vor hundert Jahren war Wien eine wunderschöne Stadt. Heute ist es ein kaum zu verdauender Anblick. Ein Chaos.

(Walter Buchebner, Tagebuch, 4. September 1957)

Aus: ich die eule von wien. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Daniela Strigl. Edition Atelier. 2011

Textbeitrag: Andrea Grill

stadt.schreiben: Wohin kommt welches Gebäude?

Darüber haben sich bereits zahlreiche Architekten den Kopf zerbrochen, und sie werden es weiterhin tun. Sie sprechen aus Erfahrung, haben einiges ausprobiert und verfügen über gediegene Argumente. Ich hingegen besuche die Baustelle mit Cindy, der bernsteinfarbenen Angora-Katze meiner Nachbarin. Alle Architekten, die anwesend sind, schielen mit Argwohn aber auch unverhohlener Neugier zu mir herüber. Die Katze halte ich in meinen Armen. Ehe ich sie losschicke, flüstere ich ihr etwas ins Ohr, was sie natürlich nicht versteht. Ich mache das nur, um die Architekten vollends aus der Fassung zu bringen. Auf der Suche nach der für sie symptomatischen Souveränität tuscheln sie untereinander. Cindy nickt ihr konspiratives Katzennicken, dann macht sie sich auf den Weg, kriecht unter Fahrzeuge, schaut in Baugruben, verschwindet im Container des Arbeitertrupps, kommt angewidert wieder heraus, schmiegt ihren Körper an einen der mächtigen Betonklötze, die Kräne am Umfallen hindern. Sie begutachtet die Zelte einiger Studenten, die sich zu Studienzwecken auf der Baustelle aufhalten, und gräbt welche von den Kräutern aus, die jemand, seiner eigenen Definition zufolge, liebevoll hier gepflanzt hat. Allmählich kommt das Tier zur Ruhe. Es kehrt zu dem Betonblock zurück, umkreist ihn und legt sich genau dorthin, wo er einen Schatten auf den Erdboden wirft. Hier muss ein Gebäude errichtet werden, sage ich und mache mir eine Notiz. Die Architekten setzen eine eisige Miene auf und schütteln verbittert ihre Köpfe.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Punkte

Vermehrt werden mitten in Worte Punkte gesetzt. Man betont nie dagewesene Mitten, legt Gravitation an ungewöhnliche Stellen und, als gäbe es unter Wortmächtigen eine natürliche Intuition für unvorhergesehene Bremsmanöver, hält das für elegant. Kein Stottern. Wollen diese Punkte an Stelle von Fensterverstrebungen treten, an die Positionen, wo sich auf älteren Fassaden zum Beispiel Rosetten befinden oder: ganze eingemeißelte Bäume, so vor Schädlingen in jedem Fall gefeit? Sehen sie sich als Spielereien für Augen, denen es bekanntlich gut tut, hier und da von Unerwartetem überrascht zu werden, die deswegen ihre Besitzer dazu bringen, sie nach Venedig zu fahren, damit sie gebremst werden im Blick? Von einem Vorsprung, einem Perspektivenwechsel. Sind diese Punkte der auf eine Minimum reduzierte Perspektivenwechsel?

(Textbeitrag: Andrea Grill)

stadt.schreiben: Hausbesetzer

Die letzte Enteignung ­habe ich gestern Nachmittag vorgenommen. Ein greller Aufkleber, der einen Preisnachlass von 30% versprach, wanderte in einem unbeobachteten Augenblick von einer Packung beinahe abgelaufener Rahm-Karotten auf einen 400 Gramm schweren Karton Riesengarnelen, für die die Geschäftsleitung des Supermarktes einen unverschämt hohen Preis verlangt. Als Autor, der an die Zukunft denkt, lege ich Wert auf abwechslungsreiche Ernährung. Ich kann nicht nach einer bestimmten Diät leben wie die Verfasser von wöchentlichen Kolumnen oder Fortsetzungsromanen. Was den Speisezettel betrifft, darf es für mich keine Einschränkungen geben.

Ich habe auch darüber nachgedacht, ob und in welcher Form sich Ideen enteignen ließen. Mir schwebt die Inbesitznahme brach liegender Gedanken als Maßnahme gegen länger andauernde Ideenlosigkeit vor. Niemand kann es verübeln, wenn man sich toller Ideen bedient, die zwar jemand anderer ausgeheckt haben mag, der- oder diejenige sie aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht verwendet. Sei es, weil er oder sie mehr gute Einfälle hat als Veröffentlichungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, oder unnötigerweise länger daran herumgedoktert werden soll, als nach allgemeinem Ermessen verträglich. Voraussetzung ist natürlich, es gelingt, sich in den Besitz einer solchen Idee zu bringen, ohne dabei ihrem Urheber oder der Idee selbst in irgendeiner Form Schaden zuzufügen. Sodann besteht das moralische Recht, nach besten Wissen und Gewissen auszuschlachten, was man besetzt hält. Zumindest bis ein richterlicher Beschluss jedes weitere Ausschlachten untersagt. Mit etwas Glück lässt sich in der Zwischenzeit ein anderer guter Einfall auftreiben, dessen Eigentümer sich offenbar nicht allzu viel daraus machen.

(Textbeitrag: Hanno Millesi) Weiterlesen →

stadt.schreiben: Die Strasse

Am Anfang hat es mich fast wahnsinnig gemacht, immer wieder dieselbe Strasse entlang gehen zu müssen, jeden Tag drei oder viermal, hin und zurück, die Strasse zog sich endlos, ich betrachtete sie kaum mehr, dachte nur intensiv an sie und über sie nach, während ich an ihr entlang ging, hetzte, schlenderte, dass sie mich überaus langweilte, weil ich unzählige Male an ihr entlang gegangen bin, dass ich zwar ausrechnen könnte, aber keinesfalls möchte, wie oft ich noch an ihr entlang gehen werde, in diesem Jahr, im nächsten Jahr; bis ich entdecke, dass ich sie nicht mehr bemerke. Sie ist mir egal geworden. Nein, ich mag sie sogar. Ich schätze diese Strasse, die mich dorthin führt, wo meine Wohnung ist.

(Textbeitrag: Andrea Grill)